15.10.2009 / Finnische Hochkultur – Selbstversuch.

Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, mit Menschen anderer Kulturkreise erfolgreich zu agieren, im engeren Sinne die Fähigkeit zum beidseitig zufriedenstellenden Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Diese Fähigkeit kann schon in jungen Jahren vorhanden sein oder auch entwickelt und gefördert werden. Dies wird als interkulturelles Lernen bezeichnet. Die Basis für erfolgreiche interkulturelle Kommunikation ist emotionale Kompetenz und interkulturelle Sensibilität.

Für Arbeitgeber ist ein internationales Profil eine der wichtigsten Einstellungsvorraussetzungen, die ein Hochschulabsolvent vorweisen muss. Universitäten fordern und fördern den Auslandsaufenthalt für ein oder zwei Semester, die Europäische Union hat sich durch Bachelor-Studiengänge und ERASMUS-Stipendien schon optimal auf die erhöhten Mobilitätsansprüche ihrer jungen Zukunftsträger eingerichtet… Der Umgang mit anderen Kulturen und Traditionen muss geübt sein.

Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, habe ich in den letzten Monaten Dschungelgetier essend auf einem Frachtschiff den Amazonas durchquert, mich von ecuadorianischen Brücken gestürzt und an ungezählten Orten Südamerikas mit Mitgliedern anderer Kulturkreise weitreichende Konversationen, wahlweise in Deutsch, Englisch, Spanisch oder Quechua, geführt. In New York reihte ich mich ein in den allgegenwärtigen Shoppingreigen, in Paris feierte ich auf den Dächern der Stadt französische Unabhängigkeit. Doch interkulturelles Lernen heißt lebenslanges Lernen. Und somit treten diese Ereignisse vorläufig in den Hintergrund, gilt es sich doch in Finnland auf völlig neue kulturelle Gegebenheiten einzurichten.

Also rein ins Gewusel und an finnischen Traditionen teilgenommen.

Jährlich ein paar Wochen nach Semesterbeginn füllt sich Tampere mit tausenden Studenten des Landes. Sie alle haben den Weg in die drittgrößte Stadt Finnlands angetreten, um hier an der größten Party des Jahres teilzunehmen. Motto: Willkommen bei den Akademischen Alkoholikern. Um meine Teilnahme bei diesem kulturell sehr aufschlußreichen Ereignis zu garantieren, ist eine gründliche Präparierung notwendig. Ich trage z.B. einen Blaumann (in Rot), den ich mir schon vor Monaten bei meiner Studentenorganisation besorgt habe.

Jeder Student erhält in Finnland zu Studienbeginn einen Blaumann seines Studiengangs (unterscheiden sich in Farben und Aufdrucken je nach Studiengang und Universität), den er zu kulturell bedeutenden Anlässen trägt. Dieser Blaumann darf in der Studienzeit nicht gewaschen und schon gar nicht von jemandem anderes getragen werden. Begeht ein Student den groben Verstoß, mit einem fachfremden Studenten sexuell aktiv zu werden, sind die Hosenbeine abzuschneiden und “vor dem Frühstück” auszutauschen.

Als weitere Ausrüstungsgegenstände trage ich in der rechten Hosentasche einen Zettel mit meiner Adresse und Chris’ Mobiltelefonnummer und in der linken Hosentasche eine Karte Tamperes’ in Form einer Bierflasche. Auf den Rücken habe ich mir einen Rucksack mit einer Flasche Wasser und meiner Kamera geschnallt, um dieses Ereignis in Teilen auch fotografisch festzuhalten.

Mein Ziel, wie das aller weiteren Studenten,  ist das Erreichen eines akademischen Grades durch das Durchbrechen gewisser Bierschranken. Dazu ziehe ich meine Karte zu Rate, die mir übersichtlich alle Bier-Tankstellen der Innenstadt darstellt. Aus 30-40 Bars, Restaurants und Clubs kann ich mir eine individuelle Route zusammenstellen, die es heute innerhalb von vier Stunden abzulaufen gilt. In jeder dieser Lokalitäten kriege ich nach erfolgreichem Gerstensaftkonsum einen Stempel auf die Rückseite meiner Karte.

Bier 1: Old Oliver’s Restaurant & Cafe Bar (Fosters 0,33l)

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Bier 1: Old Oliver’s Restaurant & Cafe Bar (Fosters 0,33l)

Meine bildungswütigen Mitstreiter und ich starten zeitig. Da wir uns wünschen, möglichst umfassend über diese urfinnische Tradition aufgeklärt zu werden, betreten wir Bar 1 um 16:20. Noch ist die Bar leer, da unterschiedliche Startzeiten eine gute Verteilung ermöglichen sollen. An der Bar lehnen einige Studentinnen in rosa Blaumännern. Sie gehören der PIRAMK Universität Tampere an und studieren neben der Getränkekarte noch Krankenschwestersein. Auch sie haben sich früh auf den Weg gemacht. Ihr Ziel heute: Ein Abschluss “Cum Laude”. Wir genießen unser erstes Bier in einer Sitzecke mit bester Aussicht. “Kiipis, Prost und Salud” werden in der an sich schon interkulturellen Truppe zum Anstoßen gerufen.

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Bier 2: Kuusta Baari & Olohuone (Karjala 0,33l)

Geradzu gegenüber befindet sich Station 2 dieser Freiluft-Museumstour. Hier ist es schon deutlich wuseliger. Dazu dieses grausame finnische Gebräu. Eine Gruppe Tutoren meiner Universität sind schon um 16:40 beim dritten Humpen. Stolzes Tempo, was notwendig scheint, will man heute Richtung Doktorgrad schielen. Wir trinken schnell aus, um Platz für weitere Trinkwütige zu machen. Die Stimmung ist angenehm, in netter Erzählatmosphäre steigt langsam die Vorfreude aller auf die nächste und übernächste Bar.

Bier 3: Ale Pub (Lapin Kulta 0,4l)

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Bier 3: Ale Pub (Lapin Kulta 0,4l)

Meine kulturelle Aufgeschlossenheit wird bei einem Glas Lapin Kulta deutlich auf die Probe gestellt. Zum Einen ist das, was die Samen irgendwo zwischen Gletscherspalten und Santas’ Schlitten brauen weit entfernt vom deutschen Reinheitsgebot, zum Anderen versucht mir einer meiner deutschen Mitstreiter klarzumachen, dass er als Spandauer ein Süd-West Berliner ist und ich als Neuköllner schnell mal zu Fuß nach Oranienburg laufen könnte. Seine durcheinandergekommene Weltsicht erkläre ich mir mit der Schwierigkeit, in dieser neuen Kultur sofort Fuß zu fassen.

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Bier 4: Emma Baari Ja Yökerho (Fisu 0,02l)

Einigen meiner Gruppe erfolgt die Assimilation mit der finnischen Studentenschaft zu schleppend. Während im Emma schon die ersten traditionellen Tänze aufgeführt werden und einige bereits gegen 17:30 am späteren Austausch der Hosenbeine arbeiten, sind die internationalen Beobachter in das Geschehen noch nicht ausreichend einbezogen. Ein Trupp Tutoren, die mittlerweile teils über Gleichgewichtsstörungen klagen, animiert uns zu einem kulturellen Seitensprung. So fällt Bier 4 kleiner aus und schmeckt nach aufgelöstem Menthol-Bonbon. Fisu, eine Shot aus Menthol und Wodka, führt uns 10 Minuten später zielsicher auf die Tanzfläche.

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Bier 5: Blue Oyster Bar (Unbekanntes Bier 0,5l)

Angetrieben vom Aufruf, dass nur in der Blue Oyster Bar der Finne heute Bier in traditioneller Größe konsumieren kann (0,5l statt 0,33l oder 0,4l) finden wir den Weg in diese Kaschemme. Unter der Woche versammelt sich hier, was sich auf heterosexuellen Abendveranstaltungen eher unwohl fühlt, heute ist Tag der offenen Tür für alle Glaubens- und Liebesrichtungen. Der kleine Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Gesungen und getanzt wird ausgiebigst, der Ein oder Andere ist von der kulturellen Vielfalt derart überwältigt, dass er sich einen Platz zum Anlehnen und Luft holen sucht. Die internationalen Beobachter freuen sich über eine derartige Identifikation der Jugend mit alten finnischen Werten.

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Bier 6: Kaijakka (Unbekanntes Bier 0,33l)

19:00. Wollen wir die uns zum Ziel gesetzte Bierschranke von 7 (Hochschulzulassung) vor Ablauf unserer Zeit erreichen, bleiben uns noch gut 1,5h. Die Beobachterkommision diskutiert kurz, ob man sich nicht gemeinschaftlich höhere Ziele stecken sollte. Doch Ziel 2 (9 Bier) lässt sich zwar erreichen, allerdings ist das Erreichen des zweiten Grades vor dem ersten nicht möglich. Wie im Studentenleben üblich, lässt sich auch hier der Abschluss “Cum Laude” (9 Bier) oder der Doktortitel (15 Bier) nicht ohne harte Lehrjahre erreichen. Wir müssen uns mit dem Abitur begnügen. Unser Anlaufpunkt für Bier Nr. 6 ist ein Laden, den es sonst stets zu meiden gehört. Doch heute haben die leichten Damen Urlaub und auch der Whirlpool ist nicht an. Wir trinken gemütlich am Fuße der Striptease-Stange und wundern uns doch arg, das kein Finne die Gelegenheit nutzt, sich an der verwaisten Stange zu erproben.

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Bier 7: Bar Partybox (Karhu 0,33l)

Auf dem Weg zum Ziel liegt diese als letzte Bar auf dem heutigen Parcour. Ein schlechtes Gewissen plagt mich, als ich diesen düsteren Laden betreten. An einem meiner ersten Tage war es dieser Club, der sich der finnischer Tradition verweigerte und bereits eine Stunde nach Öffnung kein Bier mehr führte. Heute sann die Partybox nach Wiedergutmachung und die genügsamen Finnen strömten zu Hunderten auch hier herein. In dieser letzten Kneipe vor dem Ziel legte der DJ eingängige Party-Musik auf. Und alle Teilnehmer legten eine flotte Sohle aufs Parkett. Hier trafen sich dann also jene, die wie wir am Nachmittag 7 Bier tranken, mit denen, die ehrgeizigere Ziele hatten und teils bis zu 15 Bier oder Wodka-Shots in den vergangenen Stunden heruntergeschluckt hatten. Noch einmal konnte die internationale Beobachtergruppe die Variantenvielfalt der finnischen Studententracht bewundern, die Stadien des Finnen von Nüchternheit zu Vollrausch liefen noch einmal vor meinem inneren Auge ab. Die Traditionsbewusstesten unter Ihnen tauen auf nach ihren 15 Bieren, sie werden redselig und nahezu anhänglich. Anderen, bei denen die kulturellen Werte nicht so tief verankert sind, kommen arg ins Schwanken.

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Ziel: Der Aufnäher

Alle Mühe hat sich gelohnt, als ich die Zielmarkierung vor mir sehe. An diesem finnischen Abenteuer teilgenommen zu haben bedeutet für mich einen großen Zuwachs meines interkulturellen Bewusstseins. Mit meinen tapferen Mitstreitern durchlaufe ich das Ziel und kriege meine Hochschulzulassung. Einen Aufnäher für meinen bereits erwähnten Blaumann (in Rot). Mit diesem könnte ich mich im nächsten Jahr auf den Weg zum Abschluss “cum laude” machen.

Und auch wenn diese Ausführungen hier leicht übertrieben sind, so ist es doch erstaunlich, inwiefern Alkohol hier in Finnland ein Bestandteil der Kultur ist. Nicht nur diese, sondern auch viele andere Veranstaltungen werden mit dem klaren Zweck des Alkoholkonsums durchgeführt. Der beschriebene Blaumann dient natürlich zur Identifikation mit Universität und Studiengang. Doch vor allem wird er genutzt als Litfaßsäule für Aufnäher, die sich der Student im Laufe seiner Studienzeit ehrenhaft auf eben solchen Veranstaltungen verdient hat.

Mit Ablauf dieser Veranstaltung kann auch ich mir jetzt einen Aufnäher auf meinen Blaumann nähen. Dabei gewesen zu sein war ein großer Spaß und zugleich eine tolle Möglichkeit, noch einmal andere Seiten der Stadt kennenzulernen. Und ganz ehrlich, nach dem vierten Bier dachte ich, es wird hart, nach dem Fünften sah man es mir an. Aber ich habe alles heil überstanden und noch bis in den Morgen hinein weitergefeiert.

special thx to jonas for the pictures!



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