10.08.-17.08.2009 / Berlin – Tampere
Als ich aus der Bahn steige zeigt sich Tampere von seiner feinsten Seite. Ein älterer Herr hält mir die Tür auf. Vom Bahnhofsvorplatz blicke ich die Hauptstraße Hämeenkatu meiner neuen finnischen Heimat hinunter. Die Sonne scheint. Welch Novum in den letzten sieben Tagen.
Nach zehn Stunden entspannter Zugfahrt, in denen Waleria zwischen ihren Schlafphasen auch ihr erstes Reisebuch auslaß und ich neben Fotos aus dem Fenster nach vielen Jahren wieder ein Henning Mankell Buch in die Hand nahm, erreichen wir Vilnius, Hauptstadt Litauens und malerische Kulturhauptstadt Europas 2009.
Es nieselt und das Wetter ähnelt dem Geplansche in Warschau am Tag zuvor. Auf der Suche nach einer Unterkunft führt uns der litauische Schilderwald in die Irre. Bei mittlerweile strömendem Regen erreichen wir ein kleines Hostel. Klitschnass und leicht frustriert, haben wir den eigentlichen Eingang ja schon einmal vor Minuten passiert.
Das Wetter bessert sich geringfügig und am nächsten Tag wechselt Waleria mehrmals zwischen Fleece und Top, zeigt sich doch sogar die Sonne für wenige Stunden. In Erinnerung bleiben mir die russisch-orthodoxe Kirche, das beeindruckende Uni-Gelände und der Blick über die Stadt bei strahlendem Sonnenschein.
Von Bahnhof kommend laufe ich die Hämenkaatu herunter. Bereits die erste Querstraße biege ich links ab und folge ihr ungefähr 100m. Nach überqueren der Hallituskatu und der Satamakatu erreiche ich die Nr. 19 der Tuomiokirkonkatu. Eine Rezeption oder einen Hausmeister gibt es nicht. Ich stehe vor verschlossener Tür. Kein Bett in Tampere?
Von Berlin-Lichtenberg fahren wir mit der NEB nach Kostrzyn. Im Zug werde ich “Mitglied” einer Reisegruppe und spare so ein paar Euro. Im Interregio nach Bydgoszcz wird der Rail-Trip erst authentisch. Angetrieben von einer schweren Diesellok fahren wir im dritten und letzten Wagen gen Osten. In unserem Abteil flezen wir in grünen durchgesessen Sitzen. Viel Landschaft rauscht an uns vorbei. Nach 4,5h Fahrt in Bydgoszcz angekommen suchen wir in der Stadt nach einem Bett. Wir werden nicht fündig. Die Hotels in der Stadt sind nicht unsere Preiskategorie, die Jugendherberge am Bahnhof ist ausgebucht. Kein Bett in Bydgoszcz. Wir schließen unsere Rucksäcke am Bahnhof ein und machen uns wieder in die Innenstadt. Es ist 19.30. Unser Zug nach Warschau fährt um 04.21. Eine lange Nacht steht uns bevor. Wir meistern sie mit Burgern, Bier und langen Pläuschchen.
Meinen Rucksack parke ich im Internet-Café gegenüber, als ich mich Richtung Hausverwaltung aufmache, um einen Schlüssel für mein Zimmer zu bekommen. Nach ein paar Schritten passiere ich die Russisch-Orthodoxe Kirche Tampere, laufe durch die futuristische Tampereen Yliopisto (University of Tampere) in Richtung Idieskontie, wo sich das Büro befinden soll. Im Büro ziehe ich eine Nummer extra für Austauschstudenten und schon nach kurzer Zeit bin ich im Besitz eines Schlüssels für mein Zimmer. Doch nicht nur das. Durch Abgeben beider Fingerabdrücke meiner Zeigefinger bin ich ab sofort authorisiert, das hauseigene Fitnesscenter zu nutzen. Na dann. Viel Sport in den nächsten Monaten.
Wieder einmal ohne gebuchte Unterkunft eine Stadt erreicht. Meine Vorstellung, durch das vor-ort Suchen von Unterkünften etwas Lokales und Preisgünstiges zu ergattern hat sich bisher noch nicht als erfolgreiche Taktik entpuppt. In Bydgoszcz blieben wir ohne Bett, in Warschau zahlten wir horrende Preise, in Vilnius, Siauliai und Sigulda blieben wir im Rahmen dessen, was wir auch übers Internet hätten buchen können. Und diesmal suchen wir in Tallinn. Schwer bepackt mit hundert Sachen ziehen wir vom Busbahnhof Richtung Innenstadt. Nach erfolgloser Nachfrage in Hostel 1, klappern wir drei weitere ab, deren Preise doch eher unverschämt sind. Seit mehr als 1,5h haben wir die Kraxen mit mehr als 20kg auf unserem Rücken und weiterhin erfolglos. Das letzte uns genannte Hostel existiert nicht einmal und wir sind ausgepowert wie nach einer 2h-igen Einheit im Fitnessstudio. Lösungen müssen her, die Nacht graut. Wir machen uns auf zum Terminal der Fähre, die uns am nächsten Tag nach Helsinki bringen soll, schließen unsere Rucksäcke in Schließfächer ein, behalten nur Zahnbürste und Portemonnaie bei uns. Dann ziehen wir wieder los.
Die Altstadt von Tallin ist noch fast vollständig umgeben von der alten Stadtmauer. Die historische Altstadt im Inneren wunderschön anzuschauen. An diesem Sonntag-Abend ist sie vergleichsweise leer und wir flanieren durch die kleinen Gassen und über ausladende Plätze. Als der Hunger uns treibt, machen wir uns auf in Richtung eines kleinen Inders, der uns auf unserer Odysee aufgefallen ist. Und siehe da: Fast direkt hinter dem Inder ein Hostel. Preis in Ordnung, Fähre gut zu erreichen. Wir nehmen uns ein Zimmer und lassen den nahezu letzten Teil unserer Reise gemütlich beim Inder ausklingen.
Zehn Minuten später stehe ich vor meiner Tür. Zimmer 509. Aus dem Zimmer dringen Geräusche. Chris ist noch nicht da. Da kann es nur der dritte Bewohner unseres Zimmers sein. Laut Tafel am Eingang ein Goncalves. Spanier? Portugiese? Südamerikaner? Er entpuppt sich als Portugiese, heißt Miguel, ist am Morgen eingezogen. Er wohnt hinten links. In mein Bett fällt jeder, der die Tür zu unserem Zimmer öffnet. Privätsphäre adé für die nächsten vier Monate. Das Zimmer liegt im Dunkeln. Schon Winter? Nein, außer durch drei kleine Dachluken bekommt das Zimmer kein Sonnenlicht. Für frische Luft öffnen lassen sie sich auch nicht.
Wie schön wäre da ein Fenster mit einem Ausblick wie bei der alten Dame Tetja in Sigulda, Litauen.
In unserem 40qm 3-Bett Zimmer bin ich nun Herr über ein 70cm-Bett, einen Schreibtisch, Kleiderschrank und Buchregal. Ferner habe ich mir einen kleinen Kühlschrank und ein Fach im Bad ergattern können. Meine erste Anschaffung ist eine Schreibtischlampe, die fast im 24h-Betrieb leuchtet, wenn ich viele Stunden am Schreibtisch verbringe. Meinen ersten großen Stadtgang verschiebe ich auf den nächsten Tag, Zeit die Stadt zu erkunden werde ich hier genug finden.
In Siauliai haben wir nur einen Programm-Punkt. Der kleine verrückte Hill of Crosses. 12km außerhalb der Stadt gelegen haben sich auf diesem kleinen Hügel über 50.000 Kreuze angesammelt. Gebracht von Pilgern, Touristen und Einheimischen. In allen erdenklichen Farben und Formen. Papst Johannes Paul II. hat vor dem beeindruckenden Mal mitten in der Landschaft schon gepredigt. Wir wollen mit dem Fahrrad dahin aufbrechen, aber wieder einmal macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Wir verhandeln mit einem Taxifahrer, der uns hinfährt und dort auch 20min auf uns wartet. Eile ist angesagt.
Erst einmal lege ich mich auf mein Bett und lasse die Eindrücke der letzten 7 Tage auf mich wirken. Jetzt bin ich angekommen. 4 Monate Finnland. 120 Tage Tampere. Hei Suomi!

























Au ja!
Wie wunderschön dir diese Fotos gelungen sind! Aber noch viel schöner, Spuren von dir zu finden! Was passiert? Wie ist die Uni? Wie gehts dir?
Lass öfter von dir hören.
Ich geh jetzt ins Bett, du frühstückst wahrscheinlich…
Alles Liebe,
Änna