10.06.-16.06.2009 / Cordillera Blancha; Peru

Auszuege aus meinem Trekking-Tagebuch / 5 Tage Einsamkeit in der Cordillera Blancha (Parque Nacional Huascaran)

10.06.2009  / Huaraz (>>)

Nach einer knapp 8-stuendigen Busfahrt in einem luxurioesen Gefaehrt von Cruz del Sur bin ich heute in Huaraz angekommen. Erste Nachfragen in Trekking-Agenturen haben ergeben, dass es derzeit kaum Sicherheitsbedenken fuer Solo-Trekker in der Cordillera Blancha gibt. Morgen gilt es einige Besorgungen zu erledigen und mich kurz und knackig an die Hoehe zu gewoehnen.

12.06.2009 / Cochapamba / Day 1 (11.00) / 2973m (>>)

Ich sitze an einem Fluss, der langsam das Tal herunterfliesst. Mein Teewasser kocht auf dem Gaskocher, es gibt Koka-Tee. Gut gegen die ominoese Hoehenkrankheit. Mein Abenteuer in der Wildnis hat begonnen, ich bin kaum aus Cochapamba raus.

12.06.2009 / S 08 57.369′ W 077 44.940 / Day 1 (14.30) / 3462m (>>)

Nach ungefaehr drei Stunden Marsch bin ich ziemlich ausgepowert. Die mind. 15 Kilo auf meinem Ruecken (Zelt, Schlafsack, Proviant, u.v.m.) machen sich bemerkbar, dazu habe ich in den letzten Stunden ueber 500m ueberwunden. Zum Mittag serviert der Chefkoch der Tour (Moi) Chinanudeln, Chiffles und einen grossen Pott Kaffee. Ich bezweifle, dass ich heute noch das erste grosse Camp erreiche, will aber von 3 bis 4.30 noch ein paar Meter zuruecklegen, bevor ich mich vor Anbruch der Dunkelheit nach einem Lagerplatz umschaue.

12.06.2009 / S 08 56.921′ W 077 43.063′ / Day 1 (16.40) / 3709m (>>)

Ich habe einen wundervollen Ort gefunden. Nach ueber 10km Fussmarsch und ueber 700m Hoehengewinn habe ich am Fluss ein kleines abgelegenes Plaetzchen gefunden, was nicht mehr als zwei 2-Mann Zelte aufnehmen koennte. Durch das Wasser vor mir spazieren Kuehe, die mich mit ihren wedelnden Schwaenzen bespritzen. Mein Ausblick ist traumhaft, direkt vor mir die Santa-Cruz Kett, weiter oestlich zeichnen sich die ersten schneebedeckten Gipfel ab. Jetzt, wo die Sonne ausd dem Tal verschwunden ist, wird es eisig kalt. Mein Zelt ist aufgebaut und mein Coca-Tee wartet auf mich. Trotz 700m Hoehenunterschied an einem Tag habe ich keine Anpassungsschwierigkeiten. Die Strapazen mit den 15 Kilo auf dem Ruecken nehme ich gerne in Kauf. Bin gespannt auf meine physische Konstitution morgen frueh. Der Chefkoch serviert zum Cena: Crema Esparragos mit Crackern.

13.06.2009 / S 08 56.921′ W 077 43.063′ / Day 2 (08.30) / 3709m (>>)

Unerwarteterweise bleiben koerperliche Schmerzen nach dem ersten Tag mit dem 15 Kilo BACH aus. Ich habe leichte Kopfschmerzen, die ich auf die Hoehe zurueckfuehre und leichte Sorgen was meine Schlafausstattung angeht, war diese Nacht doch ziemlich kuehl und die naechsten werden aufgrund groesserer Hoehe wohl deutlich kaelter. Zum Fruehstueck bietet der Proviantkoffer: Pott Kaffee, Brot mit Johannisbeer-Marmelade.

13.06.2009 / S 08 56.668′ W 077 40.328 / Day 2 (12.50) / 3927 m (>>)

Nach den ersten relativ strammen 7km des Tages spuere ich meine Knochen. Die Strecke ist angenehm zu laufen, da sich die Steigung in Grenzen haelt. Bis zu diesem Punkt habe ich heute 200m ueberwunden. Beim Anzuenden des Kochers ist mein erstes Feuerzeug kaputtgegangen, damit bin ich schon ab Tag 2 auf mein Ersatzfeuer angewiesen. Almuerzos heute: Chinanudeln Chifa mit zwei Scheiben Brot, danach einen Coca-Tee.
Ich muss meinen Ernaehrungsplan etwas umstellen. Die vier Scheiben Brot mit Marmelade am Morgen haben mich nur ueber etwas mehr als 2h gebracht, danach war ich schon auf Schokolade angewiesen. Ich werde zukuenftig frueh ausgiebig fruehstuecken  und unterwegs zwei “Brotzeiten” einlegen. Am Abend gibt es dann hauptsaechlich Suppe.
Die Kopfschmerzen halten an. Je nachdem, wie es heute abend und morgen frueh aussieht, sehe ich mich vielleicht gezwungen einen Ruhetag einzulegen, bevor es auf 4700m geht.

13.06.2009 / S 08 55.072′ W 077 36.618′ / Day 2 (18.00) / 4145m (>>)

Plaene aendern sich. Das nicht ganz  solange marschieren ist dann doch zu einer 7h Tortur geworden. Was sich in den ersten fuenf Stunden angenehm lief wurde am Ende super-steil. Grund: Ich habe mich entschieden, bis auf ueber 4100m zu steigen und mich morgen ganz in Ruhe zu akklimatisieren und dan den Aufstieg auf Punto Union (4760m) zu wagen.
Durch die 15 Kilo auf meinem Ruecken verbrauche ich Unmengen an Energie, dadurch, dass ich heute aber 12,3 km marschiert bin und ueber 400m ueberwunden habe, bin ich im angedachten Zeitplan. Da tut eine Pause ganz gut.

14.06.2009 / S 08 55.072′ W 077 36.618′ / Day 3 (10.00) / 4145m (>>)

Am Sonntag wird geruht. Und so ruhe ich. Nach dem 12,3 km Marsch gestern, klirrender Kaelte in der Nacht, haemmernden Kopfschmerzen aufgrund der Hoehe, heisst es heute pausieren, Kraefte sammeln und die Beine an diesem wundervollen Ort baumeln lassen. Von meinem Standort aus habe ich einen guten Blick auf den Alpamayo (5974m) und den Quitaraju (6036m) NW von mir, den Taulliraju (5830m) im NO und die Kette Artesanraju (6025m), Paron (5600m) und Millisraju (5500m) im Sueden.
Die Entscheidung heute zu ruhen scheint sich als Glueckstreffer zu erweisen. Meine Kopfschmerzen klingen ab, ich habe gerade mich, meine Haare und meine Waesche in max. 5 Grad kaltem Wasser gewaschen und fuehle mich grossartig. Der Berg macht es einem nicht leicht, wo es in der Nacht auf unter 0 Grad faellt, scheint die Sonne am Tag so aggressiv, dass ein laengeres Draussen sitzen zu echten Verbrennungen fuehrt. Ich muss morgen relativ frueh loskommen, damit ich Punto Union (4760m) vor der Mittagssonne ueberquert habe. Zum Brunch heute:  Coca Tee, Vanille Kekse, Brot mit Marmelade.

14.06.2009 / S 08 55.072′ W 077 36.618′ / Day 3 (14.00) / 4145m (>>)

Die Kopfschmerzen sind zurueckgekehrt. Nichtsdestotrotz halte ich an meinem Vorhaben fuer den morgigen Tag fest. Almuerzos: Chinanudeln, Coca-Tee. Es beginnt zu hageln.

14.06.2009 / S 08 55.072′ W 077 36.618′ / Day 3 (18.00) / 4145m (>>)

Die Sonne geht langsam hinter dem Alpamayo unter. Es wird immer kuehler. Ich habe mich auf die frostige Nacht vorbereitet. Auf meinem Gaskocherkocht Wasser auf. Heute abend und morgen frueh gibt es Nudeln mit Thunfisch, was mir genug Kraft fuer den Aufstieg geben sollte.
Ich habe erste Vorstellungen zu meiner weiteren Reiseplanung. Vor einer Entscheidung lasse ich das aber erst noch einmal 1-2 Tage sacken.

15.06.2009 / S 08 55.072′ W 077 36.618′ / Day 4 (09.00) / 4145m (>>)

Die kaelteste Nacht meines Lebens. Draussen hat es gefroren, mein Schlafsack ist nicht wirklich fuer diese Temperaturen geeignet und so musste ich alles anziehen, was ich finden konnte. Meine Nachtgarderobe: Wollsocken, Jeans, Regenhose, Unterhose, T-Shirt, Pullover, Fleece-Jacke, Regenjacke, Hoodie, Tuch, Muetze, Jumper, Schal und darueber den Schlafsack. Ich habe es ueberlebt. Da die Nacht hier 14h dauert (19:00 – 07:00) verbringe ich die halbe Nacht wach, frierend und wartend. Am Morgen packe ich noch im morgentlichen Frost meine Sachen und mache mich auf Richtung Punto Union. Desayunos: Nudeln mit Thunfisch, Schokolade.

15.06.2009 / S 08 54.738′ W 077 34.922′ / Day 4 (13.30) / 4766m (>>)

Mit letzter Kraft, vielen Pausen und nahezu unertraeglichen Kopfschmerzen erreiche ich nach ca. 3h Punto Union, auf meinem Trek wohl der hoechste Punkt. Von hier aus bietet sich ein wunderbarer Blick in die Taeler unterhalt des Taulliraju (5830m), auf dessen Auslaeufern ich stehe. Auf der einen Seite gruen mit einigen Lagunen, zeigt sich auf der Seite, die ich gerade hochgetrippelt bin ein ungleich eindrucksvolleres Bild. Der Taulliraju fuettert die unter ihm liegende Lagune Taullicocha, mit ihren unglaublich klarem Gletscherwasser. Wenn ich von hier oben heruntergucke, sehe ich fast 1,5 Tagesmaersche zurueck bis zur Lagune Jatuncocha.

15.06.2009 / S 08 57.152′ W 077 33.729′ / Day 4 (17.30) / 3801m (>>)

Nach langem Marsch, bei dem ich ueber 900m gefallen bin, klingen meine Kopfschmerzen ab. Dafuer regnet es in Stroemen und das Aufbauen des Zeltes muss schnell vorangehen. Auf meinem Weg heute habe ich drei weitere Einzelkaempfer getroffen, dich mich zum gemeinsamen Abendessen eingeladen haben. Grandiose Camping-Pasta von einem Chef. Hoffentlich wird es heute Nacht nicht so kalt.

15.06.2009 / S 08 57.152′ W 077 33.729′ / Day 5 (07.00) / 3801m (>>)

Letzte Nacht war deutlich besser. Auch wenn die Gerauesche des Flusses neben mir auch in der vierten Nacht keine beruhigende Wirkung verstroemen, war es deutlich waermer und der Schlafanteil erstmals >4h. Gleichzeitig musste ich auf die Batteriekapazitaet meines I-Pods keine Ruecksicht mehr nehmen, steht doch heute die Rueckkehr zur Steckdose an. Daher konnte ich den wachen Teil der Nacht mit Anne Will, Thadeusz und den Absoluten Beginnern verbringen.
Noch ist es kuehl und die Sonne kletter erst langsam ueber die Berge. Solange sie mich nicht erreicht hat, kann ich weiter in “The Feast of the Goat” blaettern, dass ich mittlerweile zur Haelfte durch habe.
Die Entscheidung ueber meine weitere Reiseplanung ist klar. Ich freue mich auf das was vor mir liegt.

+ Fotos der vergangenen 5 Tage hier >>
+ Riesendank an Jens & Ulrike fuer das GPS. Neben dem markieren vieler Orte in den letzten Wochen hat es fuer fuenf Tage eine echte Bestimmung gefunden!



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